Liberale für BDP

Pirmin Meier

OCHSENBEIN, STÄMPFLI UND CHARLES NEUHAUS - ODER KRITISCHE GEDANKEN ZUR REDE EINES VOLKSTRIBUNEN IN AARBERG VOM JANUAR 2010

VON PIRMIN MEIER, HISTORIKER UND SCHRIFTSTELLER (*)

Mit Bundesrat SAMUEL SCHMID durfte ich kurz vor seiner Preisgabe des Amtes noch eine historische Flab-Einheit als Festredner verabschieden, bin dabei meinerseits auf OCHSENBEIN gekommen. Dieser wurde nämlich von freisinnigen Scharfmachern aus dem Umfeld von STÄMPFLI aus dem Amt gemobbt, wobei er seinerseits auch nicht gerade zahm im Austeilen war. Jedenfalls wären Ochsenbein und Stämpfli, die zusammen den grossen CHARLES NEUHAUS aus Biel aus der Politik eliminiert haben, hochinteressante Figuren. Nicht zuletzt in Hinblick auf heutige Auseinandersetzungen. Beide waren hochgebildet, sehr sprachgewandt, schrieben einen ausgezeichneten Stil.

Von OCHSENBEIN, dessen Verdienste zu Unrecht geschmälert wurden, muss man allerdings schon sehr viel aus dem Gesichtskreis lassen, will man ihn zum "Vorbild" erklären. Als Freischarenführer ist er zwar nicht zum Äussersten gegangen, hat sich dabei sicher nicht mit Ruhm bekleckert. Wegen sieben Jesuiten, gegen die er schlimmer polemisierte als die heutigen Minarettgegner, war er bereit, mit 3000 Mann in den Kanton Luzern einzudringen, bis er dann in Ruswil merkte, dass hier eigentlich niemand von Ausserkantonalen "befreit" werden wollte. Für die rund 40 Toten von Malters trägt er die volle Verantwortung. Merkwürdig ist auch, dass Ochsenbein als Berner Regierungspräsident 1846 den Schwyzer Landammann ABYBERG zum Duell
forderte, dann aber zum abgemachten Zeitpunkt doch nicht vor Ort (am Stadtrand von Basel) erschien, dabei war nur der Pauk-Arzt Dr. JAKOB ROBERT STEIGER, nochmals Nationalratspräsident in der Nachfolge Ochsenbeins nach dessen Wahl in den Bundesrat. Und über Ochsenbeins grösstes Unglück, die Erschiessung seiner eigenen Frau durch einen Jagdunfall, haben weder Herr HOLENSTEIN noch ich bis heute im Kanton Bern Akten gefunden. Das ist eine traurige, aber doch nicht ganz geklärte Geschichte, wobei damals niemand Mordverdacht erhob.

Eines aber ist sicher: Zur Zeit der STÄMPFLI, OCHSENBEIN, BLÖSCH, später UELI DÜRRENMATT wurden Wahlkämpfe geführt, die mit Sicherheit noch polemischer und insgesamt für die Betroffenen noch ruinöser waren als selbst die heutigen SVP-Wahlkämpfe.

Dass Christoph Blocher nun mit OCHSENBEIN, ANKER und MÜNGER Politik macht, ist über allfällige berechtigte oder weniger berechtigte Wiedererkennungseffekte hinaus trotz allem ein Schritt in die richtige Richtung. Man sollte sich, jenseits von blosser Propaganda, noch mehr mit unserer Politik befassen, wobei unter den ganz grossen Staatsmännern unbedingt noch FRIEDRICH TRAUGOTT WAHLEN zu nennen wäre.

Die eindrücklichste Wandlung unter allen Politikern in der Schweiz in den vergangenen Jahren scheint im übrigen Ueli Maurer gemacht zu haben. Er sieht unterdessen, dass sich bei der SVP die Basis radikalisiert hat, wozu im Endeffekt die Abspaltung der BDP nicht wenig beigetragen hat. Dass er diese Radikalisierung eingesteht, ist ein grosser Schritt in die richtige Richtung.

Auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts kann mässigend wirken, wenngleich leider nicht in der Frage des Stils und auch nicht in der Frage zum Beispiel eines Umgangs mit dem Islam. Die Radikalen des 19. Jahrhunderts kannten in Sachen Ablehnung des religiösen Fanatismus keinen Pardon und haben im Vergleich zur Minarettinitiative noch viel schärfere, auch Personen betreffende religiöse Ausnahmeartikel in die Verfassung geschrieben. Dafür sind sie zum Teil mit Denkmälern geehrt worden.

OCHSENBEIN und STÄMPFLI haben einander, nachdem sie bis ca. 1846 weitgehend zusammengearbeitet haben, wohl noch giftiger bekämpft als dies in der SVP in der Vorphase der Spaltung üblich war. Dabei hätten beide das Zeug zum Staatsmann gehabt.

So wie im Moment der WAHLKAMPF IM KANTON BERN verläuft, schliesse ich nicht aus, dass SVP und BDP zusammen nahe bei einer absoluten Mehrheit landen werden, wohingegen der Rest des bürgerlichen Lagers möglicherweise aufgerieben wird.

Historisch passen OCHSENBEIN und UELI DÜRRENMATT durchaus zur SVP, wohingegen MINGER möglicherweise DER BDP NÄHER STEHEN würde, ausser dass bei dieser Partei eine wirklich starke Persönlichkeit, die es an historischer
Dynamik mit Christoph Blocher aufnehmen würde, leider nicht sichtbar ist. Blochers Rede war trotz Fragwürdigkeiten interessanter als beispielsweise die Neujahrsansprache von Bundespräsidentin DORIS LEUTHARD. Ob Blocher aber das, was Bundesrat Maurer die Radikalisierung in den eigenen Reihen nennt, auf Dauer wird verhindern können, bleibt fraglich.

Historisch gehört die BDP zu den PARTEIEN DES JUSTE-MILIEU, also zu den MITTE-PARTEIEN. Dieses Juste-Milieu hat im KANTON BERN zur Zeit der Gründung des Bundesstaats der BIELER INDUSTRIELLE CHARLES NEUHAUS vertreten. Wäre er
anstelle von OCHSENBEIN Bundesrat geworden, der ERSTE BUNDESPRÄSIDENT HÄTTE NICHT JONAS FURRER (ZH), SONDERN NEUHAUS geheissen.

(*) Wiedergabe eines EINTRAGS von PIRMIN MEIER, renommierter Schweizer Historiker und Schriftsteller, ins GÄSTEBUCH EINER STARKEN PERSÖNLICHKEIT DER BÜRGERLICH-DEMOKRATISCHEN PARTEI (BDP), GROSSRAT HEINZ SIEGENTHALER (RÜTI BEI BÜREN A. AARE), VOM 4. JANUAR 2010 (siehe www.heinzsiegenthaler.ch. Ich danke Autor Pirmin Meier wie Grossrat Heinz Siegenthaler für die - nur leicht von mir redigierte - Wiedergabe dieses exzellenten Beitrags, über den man partiell durchaus kontrovers diskutieren könnte, beispielsweise was die Bemerkungen über Ueli Maurer anbelangt, die aus meiner persönlichen Sicht den tatsächlichen Charakter wie die wahren Motive dieses Bundesrats und langjährigen demagogischen Co-Führers einer einst konservativ-liberalen bis liberalkonservativen staatstragenden Partei zu verkennen scheinen, die seit 1992, der Abstimmung über den Beitritt der Schweiz zum EWR, Schritt für Schritt, d.h. zuerst schleichend, danach rasant zur rechtspopulistischen "Bewegung" verkam - Anmerkung von Andreas K. Winterberger, Editor).

© 2014 by Andreas K. Winterberger